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Leseempfehlung

    Literatur rund um die Welt

    Rezension Unorthodox von Deborah Feldman

    Einblick in ein Leben in der jüdischen ultraorthodoxen Satmar – Sekte

    Diese autobiografische Erzählung handelt von einer jungen Frau, die dem strengen ultraorthodoxen jüdischen Glauben entflieht. Deborah ist in der ultraorthodoxen jüdischen Sekte Satmar aufgewachsen. Das Leben ist streng reglementiert, die Rollen genau verteilt. Jeder Aspekt des Lebens wird von Regeln und Geboten bestimmt. Der Mann widmet sich dem Studium der heiligen Schriften, die Frau kümmert sich um Haus und Kinder. Deborah Feldman spürt schon früh, dass ihr das Leben in der Satmarer Gemeinde nicht ausreicht. Sie ist neugierig, flüchtet sich in die Welt der verbotenen Bücher. Denn auch die Freizeitbeschäftigung ist vorbestimmt. Zum Beispiel sind Fernsehen und die englischsprachige, zeitgenössische Literatur verboten. Zu gross ist das Risiko des Abschweifens in ein säkulares Leben. Und so wächst Deborah Feldman in dieser Gemeinde auf, heiratet schließlich und beschreitet den Prozess der Loslösung von der Sekte um fortan ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Doch diese Loslösung fordert einen hohen Preis.

    Eindruck 

    Zuerst einmal möchte ich ein paar persönliche Eindrücke wiedergeben. Ich bin immer wieder schockiert, wie streng es in manchen Sekten zu und her geht. Alles ist genau bestimmt und man steht unter der ständigen Beobachtung durch Gemeinde- und Familienmitglieder. Schrecklich. Im Buch kommt schön zu Geltung, wie sich Deborah bereits als Kind Gedanken zu ihrem eingeschränkten und vorbestimmten Leben macht und sich immer wieder fragt, ob es da draußen noch mehr gibt. Man kann sich gut in das Kind hineinversetzen und wird durch das Leben in der jüdischen Gemeinde getragen.

    Feldman hat das Buch in der Gegenwartsform geschrieben, was ich leider generell nicht mag. Aber das ist eine rein persönliche Präferenz und hat nichts mit dem Inhalt an sich zu tun. Ansonsten ist das Buch schön lieblich und sanft geschrieben, was mir sehr gut gefallen hat. Ihre Geschichte vom kleinen Mädchen hin zur jungen Frau und Mutter zu begleiten, Ihre Gedanken und Gründe, den Schritt in die Unabhängigkeit zu wagen, zu erfassen war ein durchaus interessantes Erlebnis.

    Ich muss allerdings anmerken, dass für jemanden, der gar keine Ahnung von orthodoxen Juden hat, es zeitweise schwierig sein könnte, mit all den Bräuchen mitzuhalten. Zu vieles ist uns komplett fremd und wenn man das nicht selber in irgendeiner Form mitgekriegt hat, muss man da und dort Google zur Hilfe nehmen. Ich habe ein paar Jahre im Quartier der Zürcher orthodoxen Juden gelebt und kannte daher die meisten ihrer Bräuche und Regeln bereits. Ich weiß, was eine Sukkot-Hütte ist, warum die Ehebetten zeitweise auseinander geschoben werden, was die Mikwe ist, warum die Frauen Perücken tragen und schon am Freitagabend das Licht angeht und aus welchem Grund es immer der jüdische Nachbar war, wenn es am Samstag an der Türe klopft statt klingelt. Auch die wochenlange Putzerei vor Pessach blieb mir nicht verborgen – manche haben sogar zwei Küchen deswegen.

    Die Satmarer Lebensweise ist allerdings noch eine Stufe strenger und hat noch mehr Regeln zu bieten

    Zu allem Überfluss gehen manche Männer nicht mal einem Erwerbsleben nach, um sich komplett dem Schriftstudium zu widmen, wie ich Feldmans Erzählung entnehmen konnte.  Einfach nur weltfremd. Die Frauen von diesen Männern (ohne Erwerbstätigkeit) tun mir ganz schön leid, bleiben doch die kompletten weltlichen Belange an ihnen hängen.  Die Satmarer begründen außerdem den Holocaust damit, dass die Juden davor zu säkular und assimiliert waren und der Holocaust eine Strafe Gottes war. Mädchen und Frauen erhalten fortan nur das Nötigste an Bildung und Bücher sind verboten. Die Männer widmen sich mit all ihrer Zeit dem spirituellen Leben und dem Studium der heiligen Schriften. Das alles ist insgesamt ein schockierender Einblick in eine Parallelwelt inmitten von Brooklyn/New York.

    Ich finde es ungeheuer mutig, sich aus den Fängen von Religiosität zu befreien. Gerade Menschen, die mit einem solch absolutistischen Weltbild aufwachsen, haben es ungemein schwerer. Dazu möchte ich der Autorin und allen anderen Aussteigern meine besten Wünsche aussprechen. Eine echt mutige Entscheidung, das Leben und den Umfang des religiösen Lebens selbst zu bestimmen. Gratulation dazu und viel Kraft auch für die Zukunft.

    Auf jeden Fall ein Muss für jeden kulturell interessierten Leser! Erweitert den Horizont und gibt ein Einblick in eine uns verborgene Welt.

    Den Titel und das Cover finde ich übrigens mehr als gelungen!

    Weitere Informationen

    Deutschsprachige Rezensionen von anderen Buchbloggern findet ihr hier:

    Die Buchbloggerin

    LeckereKekse

    xMarieReads

    Unorthodox von Deborah Feldman erschien 2017 als Taschenbuch bei btb / Randomhouse Group .

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