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Rezension Die Hochzeit der Chani Kaufman von Eve Harris

Inhalt

Die Hochzeit jüdisch orthodoxen Chani Kaufman steht unmittelbar bevor. Sie hat ihren Zukünftigen viermal gesehen und die zwei wissen nicht annähernd Bescheid, was sie erwartet.  Baruch ist angehender Rabbi und so ist geplant, dass die beiden nach der Hochzeit in Jerusalem leben werden und dass Chani ihre traditionelle Rolle als Ehefrau, Mutter und Hausfrau einnehmen wird. Aber Chani hat ihren eigenen Kopf – trotzdem beugt sie sich ihren traditionellen Regeln. Denn vor einer Vermählung kommen erst einmal die Heiratsvermittlerin und die Familien ins Spiel. Alles folgt einem streng geregelten Ablauf und so erlebt der Leser im Buch diese Vorlaufphase bis zur Hochzeit mit.

Als zweite Geschichte begegnen wir der Rebbetzin Rebecca, die in der Mitte ihres Lebens steht und als junge Frau für ihre Liebe in das streng religiöse Leben gewechselt hat. Doch so zufrieden ist sie damit nicht mehr.

Und dann gibt es da noch den Sohn von Rebecca, der entgegen der Ansichten seines Vaters an der öffentlichen Uni studiert und somit in Begegnung mit normalen Menschen kommt und sich in eine Nicht-Jüdin verliebt.

Eindruck

Eve Harris hat in dem Buch einen wunderbar sanften Stil und dennoch immer wieder etwas Humor einfliessen lassen. Im Buch erhält man Einblick in die drei unterschiedlichen Familien Kaufman, Levy und Zilberman. Obwohl alle drei Familien der orthodoxen Gemeinde Londons angehören, unterscheiden sie sich sehr. Was jedoch gemeinsam ist, sind die strengen Regeln ihrer Religion. Man erfährt einiges über die Bräuche der orthodoxen Juden.

Ich kenne das orthodoxe Leben ein wenig, da ich ein paar Jahre in unmittelbarer Nachbarschaft gelebt habe und so die ein oder anderen Berührungspunkte und Gespräche hatte. Somit kannte ich viele der Regeln und Gepflogenheiten der Chassiden bereits. Es gibt noch einige mehr, als in diesem Buch erwähnt wurden. Diese Menschen wachsen mit den Traditionen und innerhalb des strengen Glaubens auf und bewegen sich im Privatleben eigentlich auch nur unter sich. Das ist ganz bewusst so gehalten, denn der Einfluss von Ungläubigen, Internet oder TV muss um jeden Preis vermieden werden. Somit gehen auch die Kinder auf eigene Privatschulen und oft später nach Israel in höhere Ausbildungen/Internate.

Berührend und zart

Die drei Geschichten in dem Buch Die Hochzeit der Chani Kaufman haben mich sehr berührt. Was sanft und zart beginnt, entwickelt sich zwischen den Zeilen zu einer für mich tieftraurigen Geschichte. Die Menschen in diesem Buch (und vermutlich auch in der Realität) sind so sehr von Religion bestimmt, das das für alle, die in einer solchen Gemeinde aufwachsen und dieser Reliosität aufgrund ihres Naturells nicht entsprechen, eine gewisse Belastung sein muss. Und so erfährt man im Buch am Rande was für Konsequenzen es hat, wenn man diesem streng geregelten Leben den Rücken kehrt.

Befremdliche Tatsachen

Etwas befremdlich fand ich, dass die Heiratenden im Buch keinerlei Ahnung über den Körper des andersgeschlechtlichen Partners oder über den Geschlechtsakt haben, obwohl unbedingt die Ehe in dieser ersten Nacht vollzogen werden muss. In ihren Biologie-Lehrbüchern wurde alles fein säuberlich abgeklebt und im Unterricht ausgelassen! Auch die Auskünfte, die Chani bei ihrer Mutter und der Rebbetzin einholt, sind mehr als dürftig. Ich hoffe, dass das in der Realität von Müttern etwas anders gehandhabt wird und das nicht allzu viele junge Frauen so ahnungslos in die erste gemeinsame Nacht gehen müssen.

In ihrer Welt verliebten sich die Menschen nicht. Sie wurden in die Ehe begleitet. Sie trafen sich, sie heirateten, und dann bekamen sie Kinder. Und irgendwann, unterdessen, lernten sie sich kennen.

Und definitiv am allertraurigsten finde ich, dass die Menschen sich nicht verlieben. Wie schön doch das Verliebtsein im jugendlichen Alter ist! Und dies zu verpassen macht mich traurig – ist es doch eine der schönsten Erfahrungen im Leben! Ich denke, es ist vor allem dies, was mich nach der Lektüre total sprachlos zurücklässt.

Ich hätte sehr gerne erfahren, wie Baruch und Chani mit ihrer Ehe und ihren gefühlt tausend Regeln weiterleben. Ihr Gespräch am Ende des Buches lässt mich das Buch mit einer gewissen Hoffnung für alle Paare innerhalb einer strengen religiösen Gemeinschaften niederlegen. Schlussendlich haben zwei Menschen innerhalb einer Ehe immer noch ein wenig Selbstbestimmungsrecht. Hoffentlich in möglichst vielen Ehen.

Ich warte gespannt, ob Frau Harris noch ein Buch veröffentlicht und würde mich freuen, mehr von ihr zu lesen. Das Buch hat mir sehr gut gefallen! Die unbedingte Leseempfehlung meinerseits hat es!

Weitere Infos

Die Hochzeit der Chani Kaufman von Eve Harris ist 2016 im Diogenes Verlag erschienen.

Rezensionen von anderen Buchbloggern findet ihr hier:

Die Buchbloggerin

Papiergeflüster

Bücherphilosophin

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5 Comments

  • Reply
    Silvia
    November 3, 2016 at 19:18

    Hallo Tabea,
    Dieses Buch hatte ich schon öfter in der Hand.
    Immer wieder unglaublich welche SUB-Kulturen in so modernen Städten wie in London existieren. Ich denke, das ist bei uns nicht anders.
    Liebe Grüße
    Silvia

    • Reply
      Tabea
      November 4, 2016 at 10:40

      Hallo Silvia
      Ja, Subkultur triffts wirklich gut.
      Ich kann das Buch wirklich empfehlen, der Stil der Autorin gefällt mir sehr gut.
      Grüsse, Tabea

  • Reply
    Gabi
    November 3, 2016 at 19:38

    Anfangs dachte ich, Du erzählst von einem historischen Roman, weil die Welt, von der das Buch erzählt, komplett anders ist als z. B, mein Alltag und für meinen Geschmack auch nicht mehr zeitgemäß. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – ist das natürlich auch die Gelegenheit für ungewöhnliche Einblicke.
    Vielen Dank für diese Buchvorstellung!

    LG Gabi

    • Reply
      Tabea
      November 4, 2016 at 10:52

      Hallo Gabi

      Ja, man kann schon leicht schockiert sein, denn geregelt ist jeder kleinste Bereich des Lebens der Chassiden. Kleidung, Bildung, Kontakte, Essen. Alles ist geregelt. Gerade das Essen ist auch so eine Sache, die komplett unerwähnt bleibt im Buch. Es ist wirklich kompliziert, denn Juden haben praktisch zwei Küchen um ja nichts zu vermischen. Milch und Fleisch dürfen niemals zusammen gegessen werden. Darum haben sie zwei separate Kochutensilien, Geschirr, Bestecke und sogar manchmal zwei Abwaschmaschinen. Ich kenne eine Familie, die haben sogar einfach zwei Küchen. Und die Vorbereitung inkl. riesigen Putzaktionen auf die religiösen Feste sind auch extrem.

      Ja, definitiv eine andere Welt inmitten unserer Welt. Und darum lohnt sich der Einblick tatsächlich.

      Liebe Grüsse, Tabea

  • Reply
    Leserückblick September & Oktober 2016 - buchbunt
    November 13, 2016 at 11:42

    […] Rezension Die Hochzeit der Chani Kaufman von Eve Harris […]

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