Literatur rund um die Welt

Rezension Aimée und Jaguar von Erica Fischer

Inhalt

Berlin, 1942. Lilly Wust, 29 Jahre, verheiratet mit einem Nazi, lebt als Hausfrau und Mutter von vier kleinen Kindern in Berlin. Sie ist politisch eine Mitläuferin. Die Ehe der beiden wird sehr offen geführt, beide Ehepartner haben Affären mit wechselnden Liebhabern. Dann lernt Lilly die damals 21jährige Felice Schragenheim kennen und die beiden verlieben sich ineinander. Sie lässt sich von ihrem Mann scheiden und Felice zieht bei Lilly ein. Nachdem Felice Lilly gesteht, daß sie Jüdin ist, hält diese erst recht zu ihr. Felice arbeitet fortan unter falschem Namen bei einer Nazi-Zeitung, um ihre Widerstandsgruppe mit aktuellen Informationen zu versorgen. Doch die Lage in Berlin spitzt sich zu.

Eindruck

Schon das Vorwort von Aimée und Jaguar liess mich das Buch mit einer Gänsehaut beginnen und man kann die Heftigkeit des weiteren Inhalts gut erahnen.

Im Buch sieht man die Kriegsjahre aus Berliner Perspektive, das gefiel mir gut. Die Einstreuungen der Berichte der Zeitzeugen finde ich sehr gelungen und es macht das Buch total autenthisch. Die Briefe, die wunderschönen Gedichte von Felice und Lilys Tagebucheinträge berühren wahnsinnig.

Der etwas altertümliche Stil der Autorin hat mir zu Beginn ein wenig Mühe gemacht. Aber man gewöhnt sich dran und das Buch war danach kaum mehr aus der Hand zu legen. Das Buch hat mir den geschichtlichen Ablauf dieser schlimmen Zeit noch mal ganz klar aufgezeigt. Zum Beispiel, das eine Flucht schlichtweg nicht für alle möglich war. Politische Verzögerungstaktiken der Aufnahmestaaten und Schikanen bei den Behörden waren einfach an der Tagesordnung. Dies erlebte auch Felice mehrfach und es wird im Buch gut geschildert. Auch die jahrelang vorausgegangen Sanktionen gegen die deutschen Juden werden gut aufgezeigt.

Ich muss sagen, die Lektüre schockiert mich und wühlt mich sehr auf. Ich war zeitenweise nahe daran, das Buch abzubrechen. Mich hat noch nie ein Buch so mitgenommen. Das wird daran liegen, dass es die Personen im Buch tatsächlich gab und dass diese Geschichte der schrecklichen Wahrheit des Holocaustes entspringt. Nachdem ich in diesem Jahr zwei Bücher über den Nationalsozialismus gelesen habe, muss ich sagen, bin ich erstmal bedient und muss das Thema ruhen lassen. Denn ich bin wieder mal sprachlos, ohnmächtig und einfach schockiert.

Weitere Infos

Natürlich habe ich nach dem Ende den Wikipediaartikel über Lilly Wust gelesen und dabei festgestellt, dass die Zeitzeugin Elenai später eine andere Darstellung der geschichtlichen Abläufe veröffentlicht hat. Das hat mich dann doch etwas erstaunt und lässt mich nun mit dem Zweifel zurück, welche der beiden denn nun die Wahrheit sprach. Wie so oft wird die Wahrheit irgendwo dazwischen liegen und wer nun Felice verraten hat, wird man nie erfahren.

Aimée und Jaguar von Erica Fischer ist 1994, bzw. 2005 beim Verlag Kiepenheuer und Witsch erschienen. Ich habe das Buch im Rahmen der Bücherkulturchallenge gelesen.

Rezensionen von anderen Buchbloggern findet ihr hier:

Lohntdaslesen

 

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16 Comments

  • Reply
    Kasin von KeJas-BlogBuch
    November 8, 2016 at 11:17

    Jetzt hast Du mir ja ein Buch nahe gebracht das ich total anders erwartet habe. So oft ist es mir begegnet und ich habe es immer für eine „Liebesgeschichte “ gehalten. Das es letztendlich um das 3. Reich geht und die damit verbundenen schicksalträchtigen Behandlungen der Menschen geht wusste ich nicht. Gerade diese Thematik schockiert mich auch immer wieder aufs Neue und dennoch muss ich es lesen.
    Danke für Deine schöne Rezension
    Liebe Grüße
    Kerstin

    • Reply
      Tabea
      November 9, 2016 at 20:08

      Hallo Kerstin
      Danke für Deinen Kommentar. Ja, auf den ersten Blick sieht es tatsächlich so aus, als wäre es „nur“ eine Liebesgeschichte. Jedoch eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des dritten Reiches und all dessen Schrecken. Definitiv ein Buch mit Gänsehautfaktor. Es hat mich richtig mitgenommen.
      LG Tabea

  • Reply
    Leselaunen November 2016 KW45 - buchbunt
    November 10, 2016 at 19:47

    […] Rezension Aimée und Jaguar von Erica Fischer […]

  • Reply
    Yvonnes Lesewelt
    Dezember 2, 2016 at 19:18

    Guten Abend,
    das Buch steht schon ewig in meinem Regal, aber ich konnte mich bisher nicht aufraffen, es zu lesen. Ich habe es von einer Freundin geschenkt bekommen, die eigentlich gar nicht liest, aber nun genau von dem Buch total begeistert war. Irgendwie hat mir das aber nicht gereicht, um mich anzusprechen. Deine Rezension macht aber Lust auf das Buch. Scheint sich um eine wichtige Geschichte zu handeln. Ich glaub, ich kram es mal aus der hinteren Reihe hervor.
    LG
    Yvonne
    #litnetzwerk

    • Reply
      Tabea
      Dezember 2, 2016 at 22:00

      Hallo Yvonne
      Ja – unbedingt sofort hervorholen! Es ist zwar nicht die leichteste Kost vom emotionalen Standpunkt her, aber es ist einfach so ergreifend. Ich bin sonst nicht so der emotionale Typ, aber das hier hat mich echt aufgewühlt.
      Gib Bescheid, wenn Du es liest oder rezensierst 😉
      Grüsse und ein schönes Wochenende!

  • Reply
    Silvia
    Dezember 2, 2016 at 19:29

    Das Buch fand ich auch sehr spannend, berührend und interessant. Sehr gut gefiel mir der Mix aus Romanhafter Erzählung, Briefen und Dokumenten. Durch die Fotos ist alles noch näher gerückt. Ich bin froh, dass das Buch in der Buchkulturchallenge dabei war, sonst hätte ich es wohl nicht gekauft.

    • Reply
      Tabea
      Dezember 2, 2016 at 22:03

      Absolut, Silvia.
      Ich hätte das Buch ohne die Challenge bestimmt auch nicht in die Hand bekommen. Alleine das Cover hat mich so gar nicht angesprochen.
      Ja, die Schilderungen der verschiedenen Zeitzeugen und die Fotos haben mich auch fasziniert. Immer wieder hab ich nach hinten geblättert und die Fotos genau angesehen, die Gesichter und Minen der Menschen auf den Bilder studiert. Und war sprachlos.
      Grüsse, Tabea

  • Reply
    Mikka Gottstein
    Dezember 2, 2016 at 22:59

    Huhu!

    Eine ganz wunderbare Rezension, und du hast mir damit dieses Buch wieder ins Gedächtnis gerufen. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich es 1996 oder 1997 während meiner Ausbildung gelesen und war sehr beeindruckt. Damals hatte ich noch nicht mal einen Rechner und Wikipedia gab es ja auch noch nicht, deswegen war mir bis zu deinem Beitrag gar nicht bekannt, dass Elenai Predski-Kramer diese Anschuldigungen vorgebracht hat. Ich hoffe einfach mal, dass da keine Wahrheit hintersteckt!

    LG,
    Mikka

    • Reply
      Tabea
      Dezember 3, 2016 at 15:21

      Hallo Mikka
      Die späten Aussagen von Elenai haben mich sehr stutzig gemacht. Ich denke, es muss was Wahres dran sein, warum sonst hätte sie sich in hohem Alter und erst Jahre nach Veröffentlichung der Geschichte doch noch melden sollen? Vielleicht liegt die Wahrheit auch irgendwo dazwischen oder ganz woanders. Schwierig zu sagen und die Wahrheit wird man nie erfahren.
      LG, Tabea

  • Reply
    Franzi Schönbach
    Dezember 3, 2016 at 20:37

    Schön auf den Punkt gebracht! Ich fand ja die Gedichte, Zeitzeugenberichte und Bilder am bewegendsten. Das Rahmenkonstrukt von der Autorin selber war gar nicht so toll, aber irgendwo muss das ja auch alles eingebettet werden. Ach und danke für den Hinweis, dass kannte ich noch nicht, dass es noch eien ander Darstellung gibt. Das muss ich mir mal näher anschauen. Aber vermutlich wird die Wahrheit wie du sagst irgendwo dazwiscchen sein. Sicher wissen, warum wie was passiert ist, wird man nie. glg Franzi

    • Reply
      Tabea
      Dezember 4, 2016 at 15:51

      Hallo Franzi
      Schreibst du dazu noch eine Rezension? Ich habe von Zeit zu Zeit mal bei Dir vorbeigeschaut, aber noch nicht entdeckt. Da wäre ich auf jeden Fall interessiert, das zu lesen und dann auch zu verlinken.
      Einen schönen Sonntag noch, Tabea

  • Reply
    Eva
    Dezember 4, 2016 at 08:43

    Liebe Tabea,

    Da ich auch bei der Challenge mitmache, steht das Buch auch auf meiner Leseliste. Jetzt habe ich auch richtig Lust, es zu lesen. Vielen Dank;-) Dass es so bewegend ist, ist natürlich nicht immer leicht zu ertragen, macht es Ende aber gerade darum so wertvoll. Lg

    • Reply
      Tabea
      Dezember 4, 2016 at 16:05

      Hallo Eva
      Das hast du sehr schön geschrieben! Ich denke, ich werde dieses Buch im Gegensatz zu vielen anderen sicher nicht vergessen. Und das sagt schon viel.
      Hab noch einen schönen Sonntag.

  • Reply
    Andrea
    September 6, 2017 at 20:57

    Hi Tabea,

    vielen Dank für die Verlinkung. Scheinbar hast Du sie heute nachträglich eingefügt während Du mal Deine Artikel überarbeitet hast? Sehr fleißig!

    Eine schöne Rezension ist es auch! Auch mich habe Felices Gedichte sehr beeindruckt, und auch ich habe nach meinen ersten Eindrücken noch weiter recherchiert. Dabei ist mir besonders aufgefallen, dass Lily von den damaligen Bekannten doch sehr für ihren letzten Besuchsversuch kritisiert wurde. Und ich kann es nachvollziehen.
    Das Leben ist einfach grau, nicht schwarz oder weiß, und niemand ist nur Held oder Bösewicht.

    Hast Du auch den Film gesehen? Wenn ja was hieltest Du davon?

    Schön dass ich auf Deinen Blog jetzt aufmerksam geworden bin. Du hast eine Bücher rezensiert die ich auch kenne. Da schau ich bei Gelegenheit mal durch. 🙂

    • Reply
      Tabea
      September 8, 2017 at 13:51

      hallo Andrea
      Vielen Dank für Deinen Kommentar. Eigentlich ist die Sache komplizierter, denn ich habe meinen Blog für ein halbes Jahr komplett vom Netz genommen und ihn jetzt mit einer .blog Endung wieder eingestellt. :S Daher haben möglicherweise viele Leute nun neue Nachrichten zur Verlinkung erhalten 😀
      Ja, es ist eine heftige Story und ich habe sie noch in farbiger Erinnerung. Lily wirkt im Buch auch etwas naiv bei ihnen Besuchen, ehrlich gesagt. Aber ja, nichts ist nur schwarz oder weiss, man sollte alles aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten – was in diesem Fall aber leider unmöglich bleibt.
      Eine berührende Geschichte und ich bin froh, dass ich sie gefunden habe 🙂
      Ich guck grad auch mal bei Dir rein, denn ich bin immer auf der Suche nach Menschen mit ähnlichem Buchgeschmack.
      Liebe Grüsse, Tabea

      • Reply
        Andrea
        September 8, 2017 at 14:55

        Oha, sogar vom Netz genommen. Das wäre aber schon schade, wo Du Dir die zeit für die ganzen Resenzionen schon gemacht hast.

        (Das soll natürlich nicht wertend gemeint sein. Du entscheidest das alles komplett selbst).

        Find ich aber schön, dass Du in Deinem Tempo jetzt weiter machen möchtest. Ich habe ja auch gerade Deinen aktuellen Beitrag gelesen.

        Ja, manches von den Büchern die ich bei Dir kenne, habe ich vor meiner Blogzeit gelesen. Aber eines hast Du ja gefunden, was wir auch gemeinsam haben. Den Hüter 😉

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